Am Samstag rollt der Ball wieder in der Bundesliga, aber das könnte dann so ungefähr das einzig Normale sein. Ein rollender Ball. Okay, der Fußball in Corona-Zeiten wird auch weiterhin mit elf gegen elf gespielt, aber sonst? Nichts wird sich normal anfühlen ab Samstag. Es wird keinen Torjubel geben, die Spieler werden zeitversetzt einlaufen und auf der Bank Masken tragen. Nur der Trainer darf sie zwischendurch mal abnehmen.Zum Coachen. Seine Anweisungen wird auch der gegnerische Trainer hören, denn es wird still sein im Stadion, weil das Elementarste bei einem Fußballspiel fehlt: Fans. Die Bundesliga ist zurück, aber die Fans sind nicht da: Gibt es ein passenderes Bild für den aktuellen Beziehungsstatus zwischen Profifußball und den Anhängern?

Die Entscheidung zur Fortsetzung der Bundesliga „sichert einigen Clubs die Fortsetzung ihrer betrieblichen Tätigkeit“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Es war ein von allen Verklärungen befreites, betriebswirtschaftliches Statement. Aber auch ein so dramatisches wie ehrliches, weil es das Hauptmotiv für den Weiterspiel-Beschluss klar offenlegte: Es geht (nur) ums Überleben der Clubs, um Existenzen. Um Geld. Natürlich ist es Seifert nicht entgangen, dass dem für die Gesellschaft angeblich so elementaren Fußball die Gefolgschaft abhandenkommt, seit die Liga so vehement für die Fortsetzung des Spielbetriebs kämpft, während zeitgleich für die Gesellschaft tatsächlich so elementare Kitas weiter geschlossen bleiben. 50 Prozent finden den Neustart gut, 50 Prozent sind dagegen.

Aber Christian Seifert sagt auch: Was sollen wir denn tun? Schließlich würden mehr als 50.000 Arbeitsplätze direkt und indirekt an der Bundesliga hängen.

Auch wir bei Matchday standen vor der Entscheidung, ob wir unser Spiel pünktlich zum Start wieder öffnen oder nicht. Und wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Auch bei uns hängen Arbeitsplätze davon ab, ob die Bundesliga spielt oder nicht. Aber wir sind nicht nur Mitarbeiter eines Unternehmens, das Rechtepartner der Deutschen Fußball Liga ist. Wir sind auch Fußballfans mit einer eigenen Meinung. Genau wie Ihr, die Ihr dieses Spiel jeden Tag spielt, in das all unser Herzblut geflossen ist, und Ihr habt uns bisher so unglaublich unterstützt mit Eurem Engagement und den Emotionen. Uns ist es wichtig, dass Ihr unsere Meinung kennt, genau wie wir Eure kennen wollen.

Sonderrolle, Realitätsferne, Selbstüberschätzung: Wir finden, dass in den vergangenen Monaten viele Vorbehalte gegen den Profifußball bestätigt und verstärkt wurden, die es schon viel länger gibt als Corona. Aber nun sind sie offen wie nie zutage getreten. Uns stellen sich viele Fragen:

  • Was sagt es über die Gesundheit des Geschäftsmodells Bundesliga aus, wenn mehr als die Hälfte aller Erstligaclubs schon beim Ausbleiben einer TV-Rate die Insolvenz droht?
  • Warum spielte und spielt das Thema wirtschaftliche Nachhaltigkeit in der aktuellen Diskussion eine so untergeordnete Rolle?
  • Werden Bedenken der Profis ernst genommen, die Gladiatoren gleich jetzt zur Ausübung Ihrer Pflicht geschickt werden, ohne wirklich die Risiken für die Gesundheit abschätzen zu können?
  • Was passiert, wenn ein Spieler oder ein Mensch aus dessen Umfeld schwer erkrankt?
  • Wie soll unter diesen Bedingungen ein fairer Wettbewerb möglich sein, wenn es beispielsweise bei Quarantäne-Längen zu völlig unterschiedlichen Entscheidungen der zuständigen Ämter kommt?
  • Wie können wir Fans dafür sorgen, dass sich wirklich Dinge nachhaltig ändern?

Die DFL hat sich für die Zukunft Demut verordnet und will aus den aktuellen Verwerfungen lernen. Christian Seifert hat dafür einen Ethikrat ins Spiel gebracht, der einen neuen Fußball entwerfen soll. Wir wären gern dabei - für Euch alle. Lasst uns den Fußball zu den Fans zurückholen. In diesem Sinne: #reclaimthegame